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Gelassenheit in Friesland

Autor: arne@goerndt.de (Arne Goerndt)

Vorfahrtsregeln – oder: wie könnte es sich mit ein wenig
Rücksicht besser leben lassen

Vorfahrtsregeln auf dem Wasser, das ist ein ebenso unerschöpfliches
wie unendliches Thema seit es den Wassersport gibt. In den
Niederlanden besteht keine Führerscheinpflicht für Sportboote, was
leider allzu oft dazu führt, dass Charterkapitäne über die bestehenden
Regeln nicht informiert sind. Viele verfahren nach dem Motto:
‚Ich bin groß und du bist klein, mach dich weg, ich will da
rein’ - notfalls zahlt ja die Versicherung. Ein alter
Segellehrer erweiterte die Verkehrsregeln daher um folgende
Faustformel: Diese Regeln gelten aus meiner Sicht / nur vor Gericht, /
und auch dort ist man ja wie bekannt / wie auf hoher See in Gottes
Hand. Aus diesem Gedicht spricht viel Erfahrung und vermutlich auch
viel Verzweiflung. Dabei könnte das Leben so schön sein, wenn
Wassersportler gegenseitig mehr Rücksicht nehmen und das ein- oder
andere Mal auf das eigene Vorrecht verzichten würden.

Allzu oft ist Unkenntnis über die Regeln und vor allem Unverständnis
für die Nöte des Anderen das Problem. Versuchen wir also in Kürze, die
wichtigsten Regeln zusammen zu fassen. Keine Angst, es geht einfach
und schnell. Daß ein Segelboot mit Wind von backbord einem anderen mit
Wind von Steuerbord ausweichen muß (Backbordbug vor Steuerbordbug) ist
den meisten Seglern ebenso bekannt wie die logische Tatsache, dass ein
windabdeckendes Boot manöverierfähiger als ein abgedecktes ist und
daher Platz macht (lee vor luv).
Auf dem freien Wasser weichen die oft wendigeren Motorboote Seglern
aus, allerdings haben Berufsschiffahrt und sehr große und damit
unflexible Schiffe (z.B. die beliebten großen Plattbodenschiffe) immer
Vorfahrt. Probleme treten häufig in Kanälen und Fahrwassern auf, da es
hier weitere Regeln gibt. So haben Fahrwasserkreuzer Kurshaltern
auszuweichen. Aufkreuzende Segler müssen am rechten Rand fahrenden
Schiffen ausweichen, egal ob Segler oder Motorboot.

Soviel zur Theorie. In der Praxis würde ein wenig mehr Verständnis
füreinander, Gelassenheit und Toleranz manchen unnötigen Schaden
verhindern. Etwa aufkreuzende Segler tun dies nicht, weil sie so gerne
die Kühe von jeder Kanalseite einzelnd begrüßen wollen, sondern weil
es die einzige Möglichkeit ist, im Prinzip ‚gegen den
Wind’ voran zu kommen. Das Manöver ist gerade bei wenig oder
sehr viel Wind und bei Gegenverkehr heikel und gelingt auch erfahrenen
Seglern nicht immer. Oft wünschen sie sich daher einwenig Verständnis
von aufkommenden Motorbootkapitänen, die den Ablauf der Manöver recht
gut beobachten und vorhersehen können müssten. Einwenig schneller oder
langsamer zu fahren oder gar einmal hinter ein Jolle durchzugehen
überfordert aber offenbar manchen Hausbootfahrer und macht den Seglern
das Leben unnötig schwer.

Umgekehrt lebt es sich leichter, wenn ein Segler dem übrigen Verkehr
mit einer deutlichen Armbewegung signalisiert, wie er sich die
Begegnung vorstellt. Der Skipper eines großen Hausbootes kann sich der
tiefen Dankbarkeit der ‚kämpfenden’ Kollegen unter Segel
gewiss sein, wenn er auf solcherart Ansinnen eingeht.

Entern mehrere Jollen im Pulk kreuzend einen Kanal, so ist die
Whooling nahezu vorher zu sehen. Es lohnt nicht, der erste am Ende
sein zu wollen wenn dies bedeutet, auf einem Kanalstück alle anderen
aufkreuzend überholen zu müssen. Manchmal erspart ein Extra-Schlag, um
andere unbehelligt ihr Manöver fahren zu lassen, manchen Stress. Auch
ein kurzer verzögernder Aufschießer eines schnelleren Bootes hätte
manche Ramming und damit Schaden, Ärger und Kosten erspart. Ein
Stand-by laufender Motor ist zwar nervig, kann aber oft verunglückte
Segelmanöver retten.

Bleibt noch das Thema Brücken. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine
Brücke öffnet ist umso geringer, je mehr rote Ampeln dem Verkehr
signalisieren, dass der Brugwachter zum Nachmittagskaffee nach Hause
gegangen ist. Dies ist gerade in der Zeit von 12 bis 13 Uhr und von
16:15 bis 17:15 Uhr der Fall; vor 9 und nach 19 Uhr ist nicht mit
Brückenbedienung zu rechnen, in den Monaten Juni bis August wird bis
20 Uhr geöffnet - Ausnahmen bestätigen die Regel. Es lohnt sich, einen
Niederländischen Wasseralmanach Nr. 2 zu erstehen, in dem die
Öffnungszeiten detailliert aufgeführt sind. Städtische Brücken und
Schleusen verlangen oft einen geringen Wegezoll, daher sollte man vor
Antritt der Reise Kleingeld sammeln. Zeigt man dem Brückenwärter
frühzeitig an, mit welcher Münze man zu zahlen gedenkt, findet man oft
im herbeischwebenden Holzschuh passendes Wechselgeld. Fährt man zu
mehreren Booten, kann man auch für die übrigen zusammen bezahlen, was
das ganze Verfahren vereinfacht. Bei einem landseitigen Besuch des
Brückenwärters kann man erfahrungsgemäß auch größere Mengen Kleingeld
problemlos eintauschen.

Aber auch an Brücken gibt es unschöne Situationen zu beobachten, die
bei einwenig mehr Verständnis füreinander vermeidbar sind. Daß in
Brückendurchfahrten nicht gesegelt werden soll, weil unter der Brücke
oft der Wind ausbleibt oder verwirbelt und daher aus schnell
wechselnden Richtungen einfällt, dürfte jedem Segler bekannt sein.
Viele Brücken öffnen nicht extra für offene Segeljollen, die mit
klappbarem Mast ausgerüstet sind. Das ist im Prinzip auch gut und
richtig so. Unschön ist es aber, wenn die Brücke nach dem Passieren
von Dickschiffen ‚vor der Nase’ motorisierter Jollen aus
Prinzip geschlossen wird. Gefährlich wird das sogar bei
Schleppverbänden, wenn der Wind auf der Brücke steht und damit der
Verband zwangsläufig im engen Kanal behindert ist und auf die Brücke
zu treiben droht. Verständnis von Seiten der Brugwachter und ein
bisschen Großzügigkeit würde auch hier das Leben der Mitmenschen
erleichtern.

Alles in allem betreiben Motorbootkapitäne wie Segelskipper einen
schönen Sport, der hauptsächlich der Entspannung dient. Unkenntnis und
Rechthaberei schaden uns nur selbst. Einwenig mehr Gelassenheit und
etwas mehr Verständnis für den Anderen erleichtert uns allen unseren
Sport – In diesem Sinne: auf eine schöne Saison!

Arne

PS: Nur um allen Zweifeln vorzubeugen: Das Traktat stammt aus meinem
eigenen Kopf...



Gelassenheit in Friesland

Autor: Wilk Morski



Gelassenheit in Friesland

Autor: Wolfgang Broeker

Arne Goerndt schrub[tm]:
> ... allerdings haben Berufsschiffahrt und sehr große und damit
> unflexible Schiffe (z.B. die beliebten großen Plattbodenschiffe)
> immer Vorfahrt.

Wie unterscheiden die Friesen eigentlich Berufsschifffahrt von
Freizeitschifffahrt? Von den professionell bewegten Sportbooten
mal abgesehen gibt es dort jede Menge an Schleppern und kleine-
ren Kanalfrachtern, die ihre "Berufsphase" längst hinter sich
haben und nur noch zu Hobbyzwecken bewegt werden. Daraus können
sich aber doch keine Verkehrsregeln ableiten lassen, oder?

Den Tenor Deines Artikels finde ich aber völlig in Ordnung.

Gruß - Wolfgang (seit 1981 regelmäßig in Friesland)

P.S.: Dein (undeklarierter) Zeichensatz macht Probleme.

--
*** Wir leben, wie wir träumen - allein ... ***
*** Joseph Conrad, Seemann und Dichter ***
*** Wed, 05 May 2004 16:28 +0200 ***



Gelassenheit in Friesland

Autor: user317@web.de (walter)

> Ein alter
> Segellehrer erweiterte die Verkehrsregeln daher um folgende
> Faustformel:
>

Vorfahrtsregeln sind generell Faustregeln:
Mal mehr Faust,
Mal mehr Regel.

:-)Walter