Re: Todesopfer bei Volvo Ocean Race und Moviestar gesunken
Wolfgang Soergel meinte:
> Jörg W. Kremer wrote:
> Hätte, wäre. Man wird sicher mal wieder über
Sicherungsmöglichkeiten
> nachdenken müssen. Andererseits kann man eine Regatta unter
> Extrembedingungen mit Profis als Besatzung sicher nicht mit dem
> vergleichen, was wir so kennen. ICH kann jedenfalls nicht beurteilen, ob
> hier vermeidbare Fehler gemacht wurden.
Ich auch nicht, aber wenn man diversen Berichten trauen darf, ist den
Seglern dort das Risiko durchaus bewußt, daß sie hier eingehen,
wenn sie
sich nicht konsequent anleinen. Die zugrunde liegende Argumentation
unterscheidet sich insofern nicht so arg von denen auf Amateurbooten. Es
ist eigentlich wie mit dem Sicherheitsgurt im Auto. 99,99% der Fahrzeit
brauchst Du ihn nicht, ist er mitunter lästig und überflüssiges
Beiwerk.
Genauso wie bei Versicherungen.
Es ist halt das eine Mal, wo Du ihn tatsächlich brauchst, für das Du
den
ganzen Aufwand treibst (oder treiben solltest). Ich behaupte sogar, daß
diese Profisegler sogar sehr viel besser wissen, welche Gewalt eine Welle
hat, die über Deck wäscht. Und das in diesem Moment kein Mensch in
der
Lage sein wird, sich selber festzuhalten. Im Gegensatz zu vielen
Amateuren, die sich tatsächlich noch der Illusion hingeben, daß
ihnen in
so einem Fall die "eine Hand für den Mann"-Regel auch nur eine
Sekunde
lang was hilft.
Von einem anderer Argument habe ich auch gelesen und da drängt sich erneut
die Analogie zum Si-Gurt auf: Wenn eine Person in den Lifebelt fällt,
kommt es offenbar mitunter zu Knochenbrüchen, speziell im Rippenbereich.
Hier gibt es vielleicht tatsächlich noch Verbesserungspotential. Wobei ich
trotzdem nicht nachvollziehen kann, wie eine Risikoabwägung Knochenbruch
vs. Überbord-gespült zugunsten letzterem ausgehen kann.
> DAS ist die Leistung, über die man reden sollte. Mitten in der Nacht,
> bei starkem Wellengang und zunehmendem Wind. Ein mit mehr als 20 Knoten
> laufendes Boot. Auch wenn die Bergung letztlich das Leben des Seglers
> nicht retten konnte. Bemerkenswert auch, dass es wohl nicht auf den
Von nix kommt nix.
Das ist primär Bootsbeherrschung und die kommt von konsequenten Training.
Es gibt dafür sogar einschlägige Vorschriften der ISAF. Seeregatten
werden
nach Fahrtgebiet klassifiziert und davon abhängig kommen die sogenannten
Special Regulations zur Anwendung. IIRC gibt es sie für die Kategorie SR-0
bis SR-3. Wobei in erster Näherung SR-0 Eisreviere sind und SR-3
geschützte Küstenreviere. Es ist sehr interessant, welchen Umfang die
Vorschriften hier im Laufe der Jahrzehnte angenommen haben, aber letztlich
steckt da eben auch die Erfahrung aus vielen Unfällen sowie die technische
Entwicklung dieser Zeit drin.
Wens interessiert,d er schaut sich mal bei www.isaf.org/
unter "rules"
nach den Special Regulations um. Im Grunde genommen gibt es keinen Grund,
warum ein Amateursegler nicht dieselbe, für sein Fahrtgebiet passende
Ausstattung und personelle Voraussetzung anstreben sollte. Auch wenn es
für den Nicht-Regatta-Segler nicht vorgeschrieben ist, ergibt es doch eine
sehr gute Richtschnur.
Ich dachte bisher, daß unsere Clubboote überkomplett ausgestattet
wären,
aber nach Studium der SR-1 haben wir dann doch noch nachgerüstet... ;)
Unabhängig von einer Regattateilnahme. Nur mit dem konsequenterweise
ebenso erforderlichen regelmäßigen Training hapert es noch.
--
Gruss,
Tobias.
Re: Todesopfer bei Volvo Ocean Race und Moviestar gesunken
Re: Todesopfer bei Volvo Ocean Race und Moviestar gesunken
Tobias Crefeld wrote:
> Von einem anderer Argument habe ich auch gelesen und da drängt sich
erneut
> die Analogie zum Si-Gurt auf: Wenn eine Person in den Lifebelt fällt,
> kommt es offenbar mitunter zu Knochenbrüchen, speziell im
Rippenbereich.
> Hier gibt es vielleicht tatsächlich noch Verbesserungspotential.
Wobei ich
> trotzdem nicht nachvollziehen kann, wie eine Risikoabwägung
Knochenbruch
> vs. Überbord-gespült zugunsten letzterem ausgehen kann.
Das ist Leistungssport, da wird heute noch gerechnet, wie damals auf den
Lastseglern: Wenn einer sich die Rippen bricht, dann ist der (a) Ballast und
(b) Nahrungsverschwender. Arbeitsleistung geht gegen Null. Wenn der Weg ist,
spart das Gewicht und Nahrung und der ist auch nicht dauernd im Weg. Was ich
noch nicht verstehe ist das Bergemanöver.
Nils
--
Wahre Worte gelassen ausgesprochen (2):
"The farther you get away from water, the dumber the people get."
[aus einer Diskussion, warum so viele Leute in Kuestenregionen
leben]
Re: Todesopfer bei Volvo Ocean Race und Moviestar gesunken
Tobias Crefeld wrote:
>
> Von einem anderer Argument habe ich auch gelesen und da drängt sich
erneut
> die Analogie zum Si-Gurt auf: Wenn eine Person in den Lifebelt fällt,
> kommt es offenbar mitunter zu Knochenbrüchen, speziell im
Rippenbereich.
Kein Wunder. Einen Menschen an einem um die Brust liegenden
Gurt aufzuhaengen ist eh ungesund, und wenn er dann noch
abrupt gebremst wird.
> Hier gibt es vielleicht tatsächlich noch Verbesserungspotential.
Wobei ich
Hilfreich waere ein Sitzgurt (zusaetzlich zum Brustgurt,
also insgesamt ein Komplettgurt), der die Krafteinleitung
vor allem in der normalen Position (Kopf oben) verbessert.
Dazu noch ein Bremselement, das allzu harte Fangstoesse
abmildert.
Gibt es uebrigens alles beim Bergsport. Sitzgurte sind
auch in verschaerft wasserfester Ausfuehrung erhaeltlich
(Stichwort Canyoning) und bilden zusammen mit einem
Brustgurt (als solcher taugen die Lifebelts vermutlich)
einen Komplettgurt. Das Bremselement ist als Kletter-
steigset bzw. Klettersteigbremse bekannt, denn auf Klet-
tersteigen erfolgt die Sicherung durch Einpicken in
Drahtseile genau wie auf dem Schiff. Wobei dort die
Seile auch senkrecht verlaufen koennen, da wuerde bei
einem Sturz ohne Bremselement mehr passieren als nur
Rippenbrueche, denke ich.
> trotzdem nicht nachvollziehen kann, wie eine Risikoabwägung
Knochenbruch
> vs. Überbord-gespült zugunsten letzterem ausgehen kann.
Das kann ich auch nicht verstehen, besser halb tot
als ganz tot.
Christoph